Trauma

Was ist ein Trauma?

  • Neurobiologische Notfallreaktion
  • Dissoziation und Traumageschehen

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„Normale Notfallreaktionen“ oder „Bin ich verrückt?“

  • Ein innerer Alarmzustand
  • Der Versuch, den Schrecken zu verarbeiten

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Wann entwickeln Menschen eine Traumafolgestörung?

  • Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
  • Komplexe Traumafolgestörung
  • Dissoziative Erkrankungen

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Eltern mit Traumafolgestörungen –
Auswirkungen auf die Bindungsfähigkeit

  • Desorganisierte Bindung
  • Bindungsstörung
  • Transgenerationale Traumatisierung

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———————————————————————–Tulpen

Was ist ein Trauma?

Wenn Menschen eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung erlebt haben, in der das eigene Leben in Gefahr war oder die eine ernste Verletzung zur Folge hatte, so spricht man von einem Trauma.
Das Wort Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet Verletzung oder Wunde. Diese kann seelischer oder körperlicher Natur sein. In einer traumatischen Situation erleben Menschen, dass die eigenen Möglichkeiten nicht ausreichen, um diese Situation zu bewältigen. Angst, Hilflosigkeit, und Entsetzen können erlebt werden. Traumatische Ereignisse können sein: Unfälle, Naturkatastrophen, Krieg, lebensbedrohliche Erkrankungen,  Vernachlässigung in der Kindheit, körperliche und sexualisierte Gewalt oder auch nahe Verlusterlebnisse.

Neurobiologische Notfallreaktion

In einer solchen lebensbedrohlichen Situation  wird blitzschnell und reflexhaft ein biologisches Notfallsystem aktiviert, dass es bei allen Lebewesen gibt, um das Überleben zu sichern.
Dieses Notfallsystem wird von einem phylogenetisch alten Teil des Gehirns gesteuert.  Auf dieses hat das bewusste Erleben keinen Einfluss, weil ansonsten die Reaktion zu lange dauern würde. Der Organismus wird mit Stresshormonen wie Adrenalin und Opiaten überflutet, um in dieser Situation fliehen oder kämpfen zu können. Auch wird das Schmerzempfinden in diesem Moment unterdrückt.

Dissoziation und Traumageschehen

Die Aktivierung dieses Notfallsystems wird auch peritraumatische Dissoziation genannt. Das Bewusstsein wird fokussiert auf die Notfallsituation, alles andere ist ausgeblendet.
Logische Gedanken, eine Wahrnehmung von Zeit und Raum existieren in diesem Moment nicht. Wenn Kampf oder Flucht nicht nützen um der bedrohlichen Situation zu entkommen, kann es zu einem Schockzustand kommen. Das kann bedeuten, dass man zwar alles hört und sieht, aber bewegungs- und handlungsunfähig ist. Und am Ende der Notfallkette kann stehen auf zu geben und sich der Situation zu unterwerfen.

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„Normale Notfallreaktionen“ oder „Bin ich verrückt?“

Alle Reaktionen, die Menschen nach einem traumatischen Ereignis als „verrückt“ erleben, sind völlig normal.

Wenn Menschen eine traumatische Situation erlebt haben, gibt es in der Folge eine Vielzahl von Reaktionen ihres Organismus. Sie sind allesamt völlig „normal“ und dienen dazu, diese bedrohliche Situation zu verarbeiten. Reaktionen können sein, sich nach einem traumatischen Ereignis wie von der Welt „entrückt“ zu erleben. Es erscheint nichts mehr so wie sonst, und der Körper kann sich seltsam und fremd anfühlen. Auch kann das gesamte vegetative System entgleiten, der Schlafwachrhythmus durch Albträume gestört sein.

Ein innerer Alarmzustand

Meistens erleben Menschen nach einer traumatischen Situation einen inneren „Alarmzustand“. Sie sind schreckhaft, angespannt, innerlich unruhig und bemüht, die Situation zu kontrollieren. Möglicherweise erleben sie sich wie betäubt, lethargisch und apathisch. Angst, Panikzustände und depressive Reaktionen sind häufig.

Auch ist es möglich, dass ein kompletter oder sequentieller Erinnerungsverlust für die traumatische Situation auftritt. Möglicherweise drängen sich auch im Wachzustand immer wieder Szenerien der bedrohlichen Situation auf. Es kann sich anfühlen, als würde die bedrohliche Situation oder Teile von ihr wieder und wieder erlebt, so genannte flash-backs.

Das Selbst- und Weltbild und das Vertrauen in sich selbst und die Welt können schwer erschüttert sein. Manche Menschen reagieren in dieser Zeit mit Rückzug, andere brauchen Kontakt und den Dialog. Und das kann wechseln.

Der Organismus versucht den Schrecken zu verarbeiten

Es ist wichtig zu wissen, dass diese Reaktionen universelle und auch sehr individuelle Versuche des Organismus sind, den Schrecken zu verarbeiten.
Da sichere und gewohnte Strukturen dem Menschen Halt geben, wirkt es unterstützend möglichst ruhig seinen geregelten Alltag mit wenig Belastung nachgehen zu können und nahe Menschen an seiner Seite zu wissen.

Durch die Selbstheilungskräfte, die jedem Menschen inne wohnen,  klingen die Symptome einer akuten Belastungsreaktion sehr häufig nach etwa drei Monaten wie von selbst ab.

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Wann entwickeln Menschen eine Traumafolgestörung?

Ob sich eine Traumafolgestörung entwickelt, oder ein Trauma von selbst heilt, ist von vielen Faktoren abhängig.

Auch wenn man bei menschlicher Entwicklung schwerlich von Allgemeinheiten sprechen kann, so lässt sich doch feststellen: Je kürzer die traumatische Einwirkung, je vitaler die organische und psychische Konstitution eines Menschen ist und je günstiger die allgemeinen Lebensbedingungen sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht zu einer chronischen Traumatisierung kommt. Auch ist ein günstiger Faktor die empathische Begleitung durch nahe Bezugspersonen nach der belastenden Situation.
Ein Monotrauma, also einmalig einer traumatischen Situation ausgesetzt zu sein, heilt oft wie von selbst aus. Wenn nach etwa sechs Monate die beschriebenen Symptome nicht abgeklungen sind und sich Vermeidungsverhalten gegenüber Situationen, die an das traumatische Ereignis erinnern, ausgebildet haben, handelt es sich vermutlich um eine posttraumatische Belastungsstörung, eine Traumafolgeerkrankung.

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Unter ungünstigen Bedingungen kann sich mehrere Monate nach einem traumatischen Ereignis eine Posttraumatische Belastungsreaktion entwickeln. Die Symptome sind wie oben unter der Notfallreaktion beschrieben.
Die so genannten flash-backs, innere Unruhe und Schreckhaftigkeit, Vermeidung von Situationen, die dem Ereignis ähneln und  Schlafstörungen. Wenn keine frühkindlichen Traumatisierungen und andere psychische Erkrankungen zugrunde liegen, kann die posttraumatische Belastungsreaktion vergleichsweise leicht und in einem relativ kurzen Zeitrahmen mit einer spezifischen Traumatherapie behandeln werden.

Komplexe Traumafolgestörung

Als komplexe PTBS wird ein psychisches Krankheitsbild bezeichnet, das sich infolge schwerer, oft über einen längeren Zeitraum anhaltender Traumatisierung entwickeln kann.
Es entsteht entweder in zeitlicher Nähe zur erfolgten Traumatisierung oder aber in zeitlicher Verzögerung bis zu Jahren oder Jahrzehnten. Oft können Menschen beschwerdefrei ein gutes Leben führen. Durch eine außergewöhnliche Stresssituation im Leben tauchen die durch Amnesie unten gehaltenen traumatischen Erinnerungen plötzlich wieder auf.

Im Unterschied zur PTBS ist sie durch ein breites Spektrum an affektiven, kognitiven und psychosozialen Beschwerden gekennzeichnet und beeeinflusst die gesamte Persönlichkeit des Menschen. Das Selbstbild, die Wahrnehmung der Welt und die Sinnfindung des Menschen können betroffen sein. Die generelle Lebenseinstellung ist oftmals durch Hoffnungslosigkeit und tiefe Verzweiflung geprägt. Menschen mit einer komplexen PTBS haben in 80% der Fälle andere psychische Erkrankung wie Angststörungen, Depressionen, somatoforme Schmerzstörungen, Persönlichkeitsstörungen, besonders traumaassozierte Borderlinestörungen, deren Symptome aber durch die Behandlung der Traumafolgen oftmals in den Hintergrund treten.

Dissoziative Erkrankungen

Die komplexe PTBS geht häufig mit dissoziativen Störungen einher. Die Entwicklung dissoziativer Erkrankungen ist umso wahrscheinlicher, je stärker die frühkindliche Situation durch einen Mangel an Sicherheit und Halt gebenden Bezugspersonen gekennzeichnet war.

Dissoziation meint das Gegenteil von Assoziation. Integrative Funktionen des Bewusstseins, der Wahrnehmung der Welt, des Selbst und des Gedächtnisses sind unterbrochen.

In der traumatischen Situation kommt es reflexhaft zu einer solchen Unterbrechung integrativer Funktionen. In Fällen chronischer Traumatisierung bleibt die Ausprägung dieser Notfallsysteme bestehen, um das Überleben des Individuums zu sichern. Um sich zu schützen, kann der Organismus beispielsweise in einen Zustand umschalten, in dem nichts mehr gefühlt wird, ein so genannter dissoziativer Selbstzustand.

Auch bei Beendigung der akuten Traumatisierung können diese Zustände bestehen bleiben und das Leben des Menschen erschweren. Die dissoziativen Zustände können hervorgerufen werden, durch Situationen, die an das Trauma erinnern, wie zum Beispiel laute Geräusche. Sind diese chronifizierten dissoziativen Zustände teilweise dem Bewusstsein des Menschen zugänglich, so handelt es sich um eine  dissoziative Störung.

Wenn die betroffene Person kein Bewusstsein für diese dissoziativen Selbstzustände hat, so spricht man von einer dissoziativen Identitätsstörung. Selbstzustände sind wie voneinander abgespalten und führen so zu sagen ein Eigenleben. Das betrifft die Aspekte von Wahrnehmung, Kognition, Affekt, Handlung, Selbst – und Weltbild. Diese Menschen leiden unter quälenden Zeitverlusten in der Gegenwart und Erinnerungslücken hinsichtlich ihrer Biographie.
Wenn die Diagnose einer dissoziativen Störung erfolgt ist, steht mit der traumazentrierten Psychotherapie unter Einbeziehung neuer Theorien, wie die der strukturellen Dissoziation (Ellert Nijenhuis), eine  wirksame Behandlungsmethode zur Verfügung. Die Behandlung einer dissoziativen Störung ist allerdings langwierig und komplex und dauert einige Jahre. Der Umfang richtet sich im Wesentlichen nach der Zielsetzung der Betroffenen.

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Eltern mit Traumafolgestörungen – Auswirkungen auf die Bindungsfähigkeit

  • Desorganisierte Bindung
  • Bindungsstörung
  • Transgenerationale Traumatisierung

Karl-Heinz Brisch definiert Bindung als das emotionale Band, das sich während der Kindheit entwickelt. Sein Einfluss bleibt nicht auf die frühe Entwicklungsphase beschränkt. Sichere emotionale Bindung ist der Hauptprädiktor für neuronales Wachstum und wesensgemäße psychische, körperliche, motorische und soziale Entwicklung. Ohne sichere Bindung ist keine Autonomieentwicklung des Kindes möglich.

Eltern mit ungelösten Traumata oder schweren Traumfolgestörungen zeigen unbewusst den eigenen Kindern gegenüber ein desorganisiertes Bindungsverhalten. Kindliches Weinen, Körperkontakt etc. können als trigger wirken und traumaspezifische Verhaltensweisen bei Eltern auslösen. Die Bezugsperson ist kein sicherer emotionaler Hafen, was schwere Bindungsstörungen des Kindes zur Folge haben kann.

Gute Unterstützungsangebote für traumatisierte Familiensysteme bietet die Netzwerkarbeit aus der Jugenhilfe. Sie sollte umfassende therapeutische Angeboten sowohl individuell für die Eltern als auch für die Kindernenthalten und sozialpädagogische Familienhilfen für das gesamte Familiensystem.

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Mehr dazu hier: Trauma-Institut am Park von Anke Nottelmann und Beate Nitzschke