Wann entwickeln Menschen eine Traumafolgestörung?

Ob sich eine Traumafolgestörung entwickelt, oder ein Trauma von selbst heilt, ist von vielen Faktoren abhängig.

Auch wenn man bei menschlicher Entwicklung schwerlich von Allgemeinheiten sprechen kann, so lässt sich doch feststellen: Je kürzer die traumatische Einwirkung, je vitaler die organische und psychische Konstitution eines Menschen ist und je günstiger die allgemeinen Lebensbedingungen sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht zu einer chronischen Traumatisierung kommt. Auch ist ein günstiger Faktor die empathische Begleitung durch nahe Bezugspersonen nach der belastenden Situation.
Ein Monotrauma, also einmalig einer traumatischen Situation ausgesetzt zu sein, heilt oft wie von selbst aus. Wenn nach etwa sechs Monate die beschriebenen Symptome nicht abgeklungen sind und sich Vermeidungsverhalten gegenüber Situationen, die an das traumatische Ereignis erinnern, ausgebildet haben, handelt es sich vermutlich um eine posttraumatische Belastungsstörung, eine Traumafolgeerkrankung.

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Unter ungünstigen Bedingungen kann sich mehrere Monate nach einem traumatischen Ereignis eine Posttraumatische Belastungsreaktion entwickeln. Die Symptome sind wie oben unter der Notfallreaktion beschrieben.
Die so genannten flash-backs, innere Unruhe und Schreckhaftigkeit, Vermeidung von Situationen, die dem Ereignis ähneln und  Schlafstörungen. Wenn keine frühkindlichen Traumatisierungen und andere psychische Erkrankungen zugrunde liegen, kann die posttraumatische Belastungsreaktion vergleichsweise leicht und in einem relativ kurzen Zeitrahmen mit einer spezifischen Traumatherapie behandeln werden.

Komplexe Traumafolgestörung

Als komplexe PTBS wird ein psychisches Krankheitsbild bezeichnet, das sich infolge schwerer, oft über einen längeren Zeitraum anhaltender Traumatisierung entwickeln kann.
Es entsteht entweder in zeitlicher Nähe zur erfolgten Traumatisierung oder aber in zeitlicher Verzögerung bis zu Jahren oder Jahrzehnten. Oft können Menschen beschwerdefrei ein gutes Leben führen. Durch eine außergewöhnliche Stresssituation im Leben tauchen die durch Amnesie unten gehaltenen traumatischen Erinnerungen plötzlich wieder auf.

Im Unterschied zur PTBS ist sie durch ein breites Spektrum an affektiven, kognitiven und psychosozialen Beschwerden gekennzeichnet und beeeinflusst die gesamte Persönlichkeit des Menschen. Das Selbstbild, die Wahrnehmung der Welt und die Sinnfindung des Menschen können betroffen sein. Die generelle Lebenseinstellung ist oftmals durch Hoffnungslosigkeit und tiefe Verzweiflung geprägt. Menschen mit einer komplexen PTBS haben in 80% der Fälle andere psychische Erkrankung wie Angststörungen, Depressionen, somatoforme Schmerzstörungen, Persönlichkeitsstörungen, besonders traumaassozierte Borderlinestörungen, deren Symptome aber durch die Behandlung der Traumafolgen oftmals in den Hintergrund treten.

Dissoziative Erkrankungen

Die komplexe PTBS geht häufig mit dissoziativen Störungen einher. Die Entwicklung dissoziativer Erkrankungen ist umso wahrscheinlicher, je stärker die frühkindliche Situation durch einen Mangel an Sicherheit und Halt gebenden Bezugspersonen gekennzeichnet war.

Dissoziation meint das Gegenteil von Assoziation. Integrative Funktionen des Bewusstseins, der Wahrnehmung der Welt, des Selbst und des Gedächtnisses sind unterbrochen.

In der traumatischen Situation kommt es reflexhaft zu einer solchen Unterbrechung integrativer Funktionen. In Fällen chronischer Traumatisierung bleibt die Ausprägung dieser Notfallsysteme bestehen, um das Überleben des Individuums zu sichern. Um sich zu schützen, kann der Organismus beispielsweise in einen Zustand umschalten, in dem nichts mehr gefühlt wird, ein so genannter dissoziativer Selbstzustand.

Auch bei Beendigung der akuten Traumatisierung können diese Zustände bestehen bleiben und das Leben des Menschen erschweren. Die dissoziativen Zustände können hervorgerufen werden, durch Situationen, die an das Trauma erinnern, wie zum Beispiel laute Geräusche. Sind diese chronifizierten dissoziativen Zustände teilweise dem Bewusstsein des Menschen zugänglich, so handelt es sich um eine  dissoziative Störung.

Wenn die betroffene Person kein Bewusstsein für diese dissoziativen Selbstzustände hat, so spricht man von einer dissoziativen Identitätsstörung. Selbstzustände sind wie voneinander abgespalten und führen so zu sagen ein Eigenleben. Das betrifft die Aspekte von Wahrnehmung, Kognition, Affekt, Handlung, Selbst – und Weltbild. Diese Menschen leiden unter quälenden Zeitverlusten in der Gegenwart und Erinnerungslücken hinsichtlich ihrer Biographie.
Wenn die Diagnose einer dissoziativen Störung erfolgt ist, steht mit der traumazentrierten Psychotherapie unter Einbeziehung neuer Theorien, wie die der strukturellen Dissoziation (Ellert Nijenhuis), eine  wirksame Behandlungsmethode zur Verfügung. Die Behandlung einer dissoziativen Störung ist allerdings langwierig und komplex und dauert einige Jahre. Der Umfang richtet sich im Wesentlichen nach der Zielsetzung der Betroffenen.